Presse

Die Leiden des jungen Werther

Inszenierung: Tobias Rott

Premiere: 30. September 2010

Benjamin Krüger schwärmt, er glüht, er tobt, er rast, er führt die Figur über den Abend hinweg von der hochfliegenden Empfindsamkeit an den Rand des Wahnsinns, er bringt gleichsam die Depression zum leuchten. Eine erstklassige Darstellerleistung.


Henryk Goldberg, Thüringer Allgemeine, 2.10.2010

Dann steht Werther alias Benjamin Krüger fahrig auf der Bühne, das schweißgetränkte graue Shirt klebt am Oberkörper, Kreideflecken und ungepflegter Dreitagebart verstärken den nachlässigen Eindruck. Fast hätte diese unglückliche Dreieckskiste Soappotenzial. Allerdings nur fast, denn sie geht tiefer, förmlich unter die Haut.


Nackt zeigt sich Werther vor dem Publikum - seine Gefühle ausgeweidet in Monologen, der Körper anfangs nur spärlich bekleidet mit einer Boxershorts in der bezeichnenden Farbe Moosgrün. Es ist das Grün der Tafel, in deren Kulisse die Emotionen auf einer Achterbahn zwischen den Extremen hin- und herkurven. Mit den auf- und abschwappenden Gefühlen schwankt die Handschrift Werthers, der die Zuschauer mit Hilfe von krakeligen Tagesangaben hineinzieht in seine Briefe.



Und denen haftet nicht ein Körnchen des zwei Jahrhunderte alten Staubs an. Werther schreit, tollt, leidet wie ein Hund. Sprachlich ganz dem Original verhaftet, quält sich Benjamin Krüger als Werther derart auf der Bühne, dass die befremdliche Wortwahl das Mitleiden des Publikums in keiner Sekunde verhindert. Fast mag man Schülern zur obligatorischen Lektüre im Deutschunterricht versöhnend einen Besuch der Rottschen Inszenierung verabreichen.

Bei aller Anreicherung mit Details vom wechselnden Schuhwerk bis zum sündigen Apfelbiss bleibt der harte Kern des Werkes dennoch unverstellt, wenngleich in durchaus ironischer Freizügigkeit aufgebrochen. Und dieser Kern hat die Jahrhunderte nicht zufällig überdauert.


Susann Winkel, Freies Wort, 5.10.2010

 

Werthers Affekte sind sehr heftig: in Tobias Rotts Inszenierung der „Leiden des jungen Werther“ stampft und schreit Werther, er verzweifelt und frohlockt und tanzt auf der kleinen Bühne im Marmorsaal der Elisabethenburg. Dann, ja dann haben wir ein sehr begreifbares Exempel eines jungen Liebenden in absoluter Gefühlsverwirrung vor uns.

Wir hören also O-Ton Werther und wir sehen Szenen aus der Gefühlswelt eines an der Liebe verzweifelnden jungen Mannes unserer Tage.

 

Und wenn dann Werthers Naturschwärmerei und Liebesentflammung in einem sehr witzigen Tanz von Lotte und Werther enden, wundert man sich über gar nichts mehr. „Ja“, denkt man sich, „dieses lächerliche Unbedingte! Das ist schon ein verrücktes Ding mit der ersten großen Liebe.“ Wir staunen über eine sehr flotte Interpretation des Wertherschen Leids.

 

Regisseur Tobias Rott schafft einen leichtfüßigen Sprung über die Jahrhunderte, ohne Goethes Botschaft zu verfälschen. Die Geschichte geht über die Bühne, erfreulich augenzwinkernd und mit wunderschön witzigen und liebevollen Einfällen versehen.


Siggi Seuß, Neue Presse Coburg, 4.10.2010

(...) Da läuft Darsteller Benjamin Krüger zu großer Form auf: Die überspannten Emotionen, welche der Text behauptet, gestaltet er mimisch und gestisch plausibel. Werther trägt sein Herz auf der Zunge, und Krüger spielt sich die Seele aus dem Leib.

Markus Terharn, Offenbach Post, 24.95.2011